25.04.2020

Eine Ärztin gibt Tipps

Komplementärmedizin und Coronavirus: Wie viel hilft das?
Mit starkem Immunsystem gegen Covid-19
Interview mit Dr. med. Jana Siroka im SonntagsBlick

SonntagsBlick: Die aktuelle Frage: Gibt es eine komplementäre Therapie gegen Covid-19?
Bisher gibt es keine wirksame Behandlung gegen das Virus. Was Medikamente oder eine Impfung betrifft, sind alle Projekte noch in einem experimentellen Stadium. Bei Patienten mit positiven Covid-19-Erkrankungen erfolgen nur unterstützende Massnahmen wie zum Beispiel Zugabe von Sauerstoff.

Was bedeutet «integrative Medizin» in der Behandlung Ihrer Patienten?
Als Ärztin mit einer anthroposophischen Weiterbildung versuche ich, Patienten immer ganzheitlich wahrzunehmen. Ich beziehe physische, seelische und geistige Aspekte mit ein. Gerade in Krisensituationen, bei Gesprächen mit Angehörigen ist das bei Patienten unterstützend. Dank meiner Erfahrung als Intensivmedizinerin weiss ich, was es bedeutet, einen Patienten mit einem schweren Infekt der Atemwege zu behandeln.

Was ist zu tun, wenn man sich infiziert und die bekannten Symptome wie trockener Husten, Halsschmerzen, Kurzatmigkeit und Fieber auftreten?
Ganz wichtig ist es, die Richtlinien des Bundesamts für Gesundheit einzuhalten, insbesondere die Selbstisolation. Je nach Schwere der Symptome ist unbedingt ein Arzt zu konsultieren. Komplementärmedizin ist für mich keine Alternativmedizin, kein Entweder-Oder – sie soll eine Ergänzung der Schulmedizin sein.

Sie vertreten das Gedankengut der sogenannten anthroposophischen Medizin. Was bedeutet das in Bezug auf Corona-Erkrankungen?
In der integrativen Medizin liegt der Schwerpunkt bei Infektionskrankheiten auf der Stärkung des Immunsystems. Ziel ist es, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und so den Krankheitsprozess zu beeinflussen.

Integrative Medizinerin
Jana Siroka (47), Oberärztin im Notfallzentrum der Klinik Hirslanden in Zürich, ist Fachärztin in Innerer Medizin und in Intensivmedizin. Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit hat sie eine dreijährige Weiterbildung in anthroposophisch erweiterter Medizin absolviert. Sie vertritt die Gedanken einer «integrativen Medizin» und versteht darunter den Einbezug komplementärmedizinischer Ansätze in die Schulmedizin.

Wie kann man sein Immunsystem stärken?
Achten Sie darauf, dass Sie genügend schlafen. Sieben Stunden sind eine gute Zeit. Bewegen Sie sich regelmässig an der frischen Luft, tanken Sie Sonne. Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen. Gut sind Bitterstoffe, etwa in Chicorée, Artischocken und Bittertee oder Bittertropfen wie Wermut oder Gentiana (Enzian, Anm. der Redaktion). Es gibt Studien, die zeigen, dass sie die Flimmerhärchen in der Lunge anregen. Meiden Sie schädliche Substanzen wie Nikotin, Alkohol und übermässig Zucker. Ganz entscheidend ist, dass alles, was uns ängstigt, das Immunsystem schwächt. Alles, was uns Freude bereitet, wirkt sich stärkend auf unsere Abwehrkräfte aus.

Es gibt widersprüchliche Aussagen über die Wirkung von fiebersenkenden Medikamenten.
Fieber ist ein wichtiger Abwehrmechanismus bei Infektionen. Fieber aktiviert das Immunsystem. Es gibt Hinweise, dass Viren sich bei erhöhten Temperaturen schlechter vermehren können. Bei unkompliziertem Verlauf zu Hause in Isolation würde ich persönlich Fieber nicht senken.

Als Ärztin haben Sie ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Was tun Sie, um gesund zu bleiben?
Ich praktiziere täglich Basisenergieübungen, ähnlich dem Yoga und nach der Cantienica-Methode (Anm.: Training der Tiefenmuskulatur). Unterstützend nehme ich prophylaktisch Naturheilmittel. Fundamental in dieser schwierigen Zeit ist für mich der Austausch mit meiner Familie und meinen engsten Freuden. Damit wir – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch – heil durch diese Krise kommen, brauchen wir einander!

 

Jeder Dritte nutzt Komplementärmedizin
Vor elf Jahren haben die Schweizerinnen und Schweizer Ja gesagt zur Komplementärmedizin, 67 Prozent der Stimmbürger stimmten 2009 einem entsprechenden Verfassungsartikel zu. Die Umsetzung dauerte: Seit 2017 vergüten die Krankenkassen die ärztlichen Leistungen in den klassischen Disziplinen der Komplementärmedizin, der anthroposophisch erweiterten Medizin, Arzneimitteltherapien der traditionellen chinesischen Medizin, der klassischen Homöopathie und der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Die Nachfrage nach solchen Leistungen, insbesondere in Zeiten einer Krise wie Corona, ist gross: Nach der letzten Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BFS) hat rund ein Drittel der Bevölkerung Komplementär-Angebote genutzt, Tendenz weiter zunehmend.

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